Projekt Beschreibung

Romanbeschreibung

Zwei Frauen in der Blüte ihres Lebens wurden vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Die eine hat den frühen Tod ihres vergötterten Mannes nicht verkraftet, die andere wurde in ihrer Ehe misshandelt. In einem Urlaub am Bodensee, den keine von ihnen ganz freiwillig angetreten hat, treffen die beiden mehrfach aufeinander. Sie geraten dabei jedes Mal heftig in Streit, und es sieht so aus, als ob sie damit leben müssten, sich während dieser Tage immer wieder über die Füße zu laufen. Doch dann bringt ein heftiges Gewitter auf der Blumeninsel Mainau eine der beiden Frauen in Lebensgefahr. Dabei wirbelt der Wind nicht nur die Blätter im Park durcheinander.
Ein Roman der etwas anderen Art mit viel Herz und Gefühl.

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Wäre Jessica nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen und hätte sie zum neuen Rathaus hinter dem Busbahnhof gesehen, hätte sie wahrscheinlich der Schlag getroffen.
Von dort kam mit riesigen Schritten und noch immer wackligen Knien Marion Brandt gelaufen. Aber noch sahen sich die beiden Frauen nicht. Erst als Jessica bereits im geräumigen und bequemen Fahrgastraum des Katamarans saß, der inzwischen am Steg festgemacht hatte, betrat Marion Brandt als eine der letzten das Schiff, und gerade als der Steward die Gangway einklappte, erblickte Jessica ihre Nervensäge.
Hoffentlich setzt sie sich nicht neben mich, dachte Jessica schnell und sah sich verstohlen nach Alternativen um.
Marion Brandt aber steuerte zielsicher ihren Tisch an, der als einziger Sechsertisch mit nur einer Person besetzt war.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Jessica sah sie zuerst verständnislos an, dann hüstelte sie etwas, während sie dachte: Wenn es denn unbedingt sein muss, sagte dann aber, wenn auch stockend: „Wenn, äh, ja, klar, meinetwegen, gern …“
„Ich weiß“, setzte Marion rasch hinzu, „ich bin Ihnen nicht sonderlich sympathisch, was nach unseren bisherigen Begegnungen auch nicht gerade verwunderlich ist.“
„Nun ja, äh“, meinte Jessica unsicher und überrascht, da sie sich etwas in die Ecke gedrängt fühlte. „Ganz so ist es auch wieder nicht. Aber in Lindau war ich schon etwas verärgert, dass Sie mir mein neues Kleid ruiniert haben.“
Am liebsten hätte Jessica noch hinzugesetzt: Aber das verstehen Sie als vermögende Frau, die sich locker zehn neue Kleider kaufen kann, wohl nicht. Sie ließ es aber sein, da sie absolut keine Lust auf das sich bereits anbahnende Gespräch hatte.
Da überraschte Marion sie zum zweiten Mal.
„Ich verstehe Sie gut und kann mich nur nochmals bei Ihnen entschuldigen. Es war wirklich dumm von mir, manchmal bin ich total ungeschickt.“
„Ist schon okay“, antwortete Jessica. „Aber seien Sie mir nicht böse, ich habe keine große Lust, mich zu unterhalten. Ich möchte mir die Landschaft ansehen, denn es ist meine erste Schifffahrt auf dem Bodensee.“
„Klar doch, meine übrigens auch“, stimmte Marion zu. „Außerdem, wenn wir auf Mainau unterschiedliche Wege gehen, kommen wir uns bestimmt nicht ins Gehege.“
Mit diesen Worten hatte Marion Jessica vollends verblüfft, die sich aber nichts anmerken ließ und während der Überfahrt außer einigen wenigen Worten über die Schönheit der Landschaft kaum noch etwas sagte.
Marion bestellte sich unterdessen ein Sandwich und einen Kaffee, da ihr Magen immer lauter knurrte. Eigentlich wollte sie sich auch noch einen Prosecco kommen lassen, aber als sie sah, dass Jessica sich die ganze Fahrt über an einem Glas Wasser festhielt, ließ sie es sein. Sie erkannte ganz richtig, dass Jessica sparen musste, und so wollte sie die jüngere Frau nicht in Verlegenheit bringen.

Eine knappe Stunde später legte das Schiff auf Mainau an. Marion hielt ihr Versprechen und entfernte sich tatsächlich in der Jessica entgegengesetzten Richtung. Jessica war viel zu sehr mit der Schönheit der Blumeninsel beschäftigt – aber auch damit, wie vorbehaltlos sie sich an dieser Schönheit erfreuen konnte –, als dass sie es wirklich registrierte. Sie war als Zwölfjährige vor mehr als zwanzig Jahren schon einmal mit ihren Eltern hier gewesen, seitdem hatte sich unheimlich viel verändert. Da blieb kaum Zeit, sich in Gedanken mit der Herfahrt, Marion oder gar dem Wetter zu beschäftigen. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, den Ausflug richtig zu genießen und wenigstens an diesem Tag alle trübseligen Gedanken zu verbannen, die ihr jede Freude nahmen.
Damals hatten sie in Meersburg im Hotel Bären in der Oberstadt gewohnt. Es war wirklich schade, dass sie kein Auto zur Verfügung hatte, denn so wusste sie nicht, ob sie es in diesem Urlaub noch schaffen würde, einen Ausflug dorthin zu machen. Aber im Moment war ihr das ziemlich egal. Die vielen, wunderschönen Blumenarrangements, die Wasserkaskaden, der Streichelzoo für Kinder oder das Schmetterlingshaus mit seinen vielen bunten Faltern und den tropischen Pflanzen faszinierten sie so sehr, dass ihr großer Hunger ihr erst auffiel, als ihr Magen schon bedenklich zu knurren begann.
Jessica ging in das Selbstbedienungsrestaurant, das es vor dreiundzwanzig Jahren ganz bestimmt noch nicht gegeben hatte. Dort holte sie sich einen riesigen Salatteller und eine Cola und setzte sich an den letzten noch freien Tisch, der unter einem Sonnenschirm stand. Hätte sie zu diesem Zeitpunkt den Himmel eines Blicks gewürdigt, wäre sie vermutlich nicht in den weitläufigen Park gegangen, der sich hinter dem Schloss oben auf dem Hügel der Insel befand. Am Horizont begannen sich dunkle Wolkenberge aufzutürmen, die eines der berüchtigten Bodenseegewitter ankündigten. Sie kamen schnell, waren heftig und verschwanden wieder, als wären sie nie da gewesen. Aber wer weiß, vielleicht wäre sie trotzdem hinaufgestiegen, da sie die Geschichten und Anekdoten, die in den Anrainergemeinden dazu erzählt wurden, nicht kannte.

Marion erging es nicht anders. Sie hatte den unteren Teil der Insel durchstreift und stieg nun in den oberen Teil hinauf, wo es einen Park mit vielen hochstämmigen Bäumen sowie das Palmenhaus gab. Vielleicht war das der schönste Teil der Insel, denn hier oben war es zumindest nicht ganz so überlaufen wie unten, wo sich auch die Attraktionen für Kinder drängten. Im parkartigen Teil konnte man sich an nicht so überlaufenen Tagen fast schon allein fühlen.
Genau das war es, was Jessica wie Marion zum Ausklang eines schönen Tages inmitten von Blumen- und Ziergewächsen suchten.
Tatsächlich war es an diesem Tag hier oben etwas ruhiger, was aber bestimmt auch damit zusammenhing, dass viele Besucher bereits die dunklen Wolkenberge bemerkt hatten, die immer schneller aus den Schweizer Alpen herangezogen kamen. Selbst Marion hatte, wenn auch etwas spät, bemerkt, was sich da über ihren Köpfen zusammenbraute. Nur Jessica, die sonst so besonnene junge Frau, hatte inmitten dieser Farbenpracht alles um sich herum vergessen.
Sie schlenderte nun in den ruhigen parkartigen Teil der Insel hinein und ließ sich auf einer Parkbank direkt unter einer riesigen alten Eiche nieder. In diesem Augenblick fielen die ersten Regentropfen. Noch immer verkannte sie die Situation und dachte: Ich werde hier sitzen bleiben und warten, bis der Regen vorbei ist. Es bleibt dann immer noch genügend Zeit, um bis zur Abfahrt des Schiffes an den Anleger zu kommen. Und vor allem zu dem Andenkenladen.

Aber auch Marion hatte noch einen weiten Weg, um aus dem Park wieder herauszukommen. Sie wollte versuchen, noch halbwegs trockenen Fußes das Restaurant unterhalb des Schlosses nahe beim Schiffsanleger zu erreichen. Zu diesem Zweck hielt sie sich ein Stück Pappe, das sie durch Zufall noch in ihrer übergroßen Schultertasche hatte, über den Kopf und rannte fast die Allee entlang, die erst zum offenen Teil der Anlage und dahinter zur Treppe nach unten führte.
Der erste Blitz zuckte vom Himmel, und ein gewaltiger Donnerschlag grollte gleich hinterdrein. In dem Augenblick sah sie Jessica. Die Arme hatte wohl Angst vor solchen Gewittern und hielt sich zitternd an ihrer Parkbank fest. Marion war klar, dass unter dem riesigen Baum, der zu den höchsten der Insel zählen musste, bei einem solchen Gewitter ganz gewiss nicht der richtige Aufenthaltsort war. Sie verlangsamte ihre Schritte und blieb für einen kurzen Moment ganz stehen.
Nun zuckten gleich drei Blitze vom Himmel, die Donnerschläge folgten im Sekundentakt, und ein heftiger Sturm erfasste die gesamte Parkanlage. Inzwischen waren weit und breit auch keine anderen Leute mehr zu sehen.
Große und kleinere Äste wurden aufgewirbelt, und selbst die großen Bäume bogen sich im Wind. Da war für Marion klar, was sie zu tun hatte. Sie warf ihre Pappe beiseite, die sowieso nicht allzu viel vom Regen abhielt, rannte zu Jessica und zog die völlig verängstigt dreinblickende und wie gelähmte Frau mit sich von der Parkbank fort.
Keine Sekunde zu früh, denn ein weiterer Blitz zuckte vom Himmel, und mit dem nächsten Donnerschlag…